Das Museum moderner Kunst zeigt mehr als 400 Zeichnungen, Videos, Fotografien und Skulpturen des Künstlers Erwin Wurm

Text: Almuth Spiegler

Fotos: MUMOK/Lisa Rastl; Privatsammlung, Zürich; BALTIC/Colin Davison, Newcastle; MUMOK/Beatrix Fiala, Erwin Wurm: VBK Wien, 2006
 

 
 
„Keep a cool head“ – so heißt Erwin Wurms bisher größte Einzelausstellung in Wien, im Museum moderner Kunst. Und einen kühlen Kopf, den hat der 1954 in Bruck an der Mur geborene Künstler in den vergangenen zehn Jahren auch bewahren müssen, so steil wie es plötzlich bergauf ging mit der internationalen Karriere. Ob er das tatsächlich ebenso praktizierte, wie er es heuer auf einer seiner absurden Fotografien zeigt, darf allerdings bezweifelt werden: Kopfüber scheint er da knieend in einem Kühlschrank fest zu stecken.

Eine bildlich genommene Redewendung sozusagen, ein „Kunstwitz“, wie man ihn am ehesten noch von US-Maler Richard Prince kennt. Den Vorwurf sperriger Unzugänglichkeit kann man dem Werk von Erwin Wurm jedenfalls nicht machen. Eher im Gegenteil, fast zu plakativ kommen vor allem seine jüngeren Objekte manchmal daher: Wurstsemmeln, die wie UFOs gelandet sind und kleine Gangways ausgefahren haben.

Aufgeblähte, aus dem Leim gegangene Autos, „Fat Cars“, oder völlig auseinander quellende und zerfließende Häuser. Auf den ersten Blick leichte kulinarische Häppchen. Auf den zweiten doch noch schwerere Kost. Denn wie schon seit seinen Anfängen in den frühen 80er-Jahren dreht sich bei Wurm auch heute noch vieles um die theorielastige Frage: Was ist Skulptur? Was kann sie heute noch sein, was kann sie uns noch sagen? Dabei ist seine Entwicklungslinie – von den radikalen Verneinungen des Volumens bei den frühen „Staubobjekten“ bis hin zur exzessiven Bejahung des Körpers, dem Aufblähen und Verfetten – eine bestechend gerade. Nicht zu vergessen der Humor, die Ironie, die das Werk des Angewandte-Professors prägen und sich besonders in den von ihm erfundenen „One Minute Sculptures“ manifestieren: Auf Anweisung des Künstlers muss eine Person in einer äußerst zweifelhaften, seltsamen Stellung ausharren, die nur wenige Momente erträglich ist.

Erst die Fotografie macht die skurrile Aktion dann doch wieder zu einem skulpturalen Monument. Ein Mädchen mit Pilzen in den Nasenlöchern etwa. Ein Mann, dessen Kopf in einem Mauerloch verschwindet. Oder unter dem Pullover eines zweiten. Ein Konzept, das den US-Rockern „Red Hot Chili Peppers“ 2003 so gut gefallen hat, dass sie sich für ihr Video „Can‘t Stop“ von den „One Minute Sculptures“ inspirieren ließen. Und sich dafür bei Erwin Wurm im Nachspann wenigstens ausdrücklich bedankten. Keine Selbstverständlichkeit, zählt Österreichs zurzeit wohl erfolgreichster Kunstproduzent zu den von Werbung und Kollegen meistkopierten zeitgenössischen Künstlern. Warum das so ist, davon konnte man sich 2002 bei der von Peter Weibel zusammengestellten großen Wurm-Retrospektive in der Neuen Galerie Graz ein eigenes Panoramavollbild machen.

Einen Anspruch, den die aktuelle Ausstellung im MUMOK gar nicht erst anstrebt: Denn nicht enzyklopädisch, erklärt Edelbert Köb, Hausherr und Kurator in einem, sondern konzentriert auf die neuesten Arbeiten soll seine immerhin aus mehr als 400 Zeichnungen, Videos, Fotografien und Skulpturen bestehende Wurm-Schau sein. Nach Wien wird sie in immer anderer, den Platzverhältnissen angepasster Form auch in Hamburg, Aachen, St. Gallen und Lyon zu sehen sein.

Warum gerade jetzt diese Tournee, dieser groß angelegte Siegeszug? Für Köb ist gerade ein Wendepunkt in der Arbeit des frischgebackenen Schlossbesitzers erreicht: Wurm arbeite jetzt wieder bildhauerischer und realistischer als früher. Das beste Beispiel für diese These ist praktisch nicht zu übersehen: Als eine Art Wahrzeichen der Ausstellung, als weithin sichtbare „Landmark“ hat der Künstler gleich ein ganzes Einfamilienhaus aus heiterem Himmel und kopfüber aufs Flachdach des dunkelgrauen MUMOK-Bunkers fallen lassen. So sieht es jedenfalls aus.

Und der Titel gibt unseren schlimmsten Vermutungen auch recht: „House attack“! Sehr lustig. Doch auch hinter diesem Gag steckt eine bittere Überlegung: Scheint dieses biedere Häuschen doch den von Wurm gerne kritisierten, durch Großanbieter verdorbenen Fertigteil-Geschmack der Masse zu versinnbildlichen, der hier brutal scheitert. An den verdammt scharfen Ecken der Kunst.


Almuth Spiegler ist Redakteurin bei der Presse.
Inhalt
 
„Keep a cool head“ 2003
„Carrying Edelbert Köb“ 2006 (Be nice to your curator)
„Bally“ (Indoor sculptures) 2002
„The artist who swallowed the world“ 2006

Erwin Wurm „Keep a Cool Head“ im MUMOK. Bis 11. 02. 2007
The sculpture that fell from the sky

The current MUMOK exhibition of work by the Austrian artist Erwin Wurm focuses on his latest work. Curated by Edelbert Köb, the show consists of more than 400 drawings, videos, photographs and sculptures. Wurm was born in 1954 and has become one of Austria‘s most influential and frequently imitated contemporary artists. In 2003 the US rock band the Red Hot Chilli Peppers doffed their caps to his “one-minute sculptures” in their video Can’t Stop.

In Wurm’s own “one-minute sculptures” the artists instructs his subject to assume a pose or position so uncomfortable or strange that it cannot be sustained for more than a minute. The artwork itself results when the scene is photographed. Edelbert Köb believes Wurm’s work has now reached a turning point, becoming more sculptured and realistic. You certainly cannot miss the best example of this: a complete family house perched upside down on the roof of the MUMOK bunker.

Titled House Attack, this element of the show captures well the irony, humour and provocative nature of many Wurm’s pieces. House Attack should, however, not be read as just another art joke. It is also a criticism of mass-produced, developer-driven housing, delivered with Wurm’s trademark acerbic wit.